Stadt oder Land – wo lebt es sich besser?

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In diesem Artikel geht es um die Frage: Stadt oder Land wo lebt es sich besser? Erfahrungsbericht von einer, die alles ausprobiert hat

Raus aus der Stadt? Ab aufs Land? Oder umgekehrt? Für manche stellt sich die Frage gar nicht. Andere spielen ab und an mit dem Gedanken, ihr Wohnumfeld zu verändern. Die Frage Stadt oder Land – wo lebt es sich besser? – ist sie überhaupt zu beantworten?

Oder läuft es am Ende darauf hinaus, dass „woanders eben auch Scheiße“ ist, wie es so schön bei mir im Pott heißt?

Stadt Land Schluss?

Großstadt, Kleinstadt, Dorf oder Stadtrand? Britta Langhoff hat alles ausprobiert. In diesem Artikel berichtet sie von ihren Erfahrungen und zieht ihr Fazit: Wo lebt es sich besser?

Stadt, Land, irgendwo dazwischen – wo gehört man hin?

Landleben hat eine Menge Vorteile. Das Stadtleben allerdings auch. Nachteile – haben beide ebenfalls. Was überwiegt? Kommt drauf an. Aufs Alter, aufs Temperament, auf Vorlieben und Interessen, auf den Netz-Ausbau. Die Entscheidung, wo man leben will, ist immer eine persönliche. In der Regel gründet sie auf den Erfahrungen, die man gemacht hat. Sowie der eigenen Interpretation von Heimat und zuhause. Aus den Kommentaren zum Blogartikel „Was ist Heimat?“ ist das deutlich herauszulesen.

Ich kann mir mit Fug und Recht den Titel Lebensform-Varianten-Testerin verleihen. Großstadt, Kleinstadt, Stadtrand, Dorf, schwimmendes Zuhause auf dem Wasser – ich kenne sie alle. Manches habe ich geliebt, anderes toleriert, aber es gab auch Lebensformen, von denen ich mich gar nicht schnell genug verabschieden konnte.

Kleinstadtleben – mein Startpunkt

Wie Ihr wisst, komme ich gebürtig aus der Grenzstadt Emmerich am Rhein. Dort bin ich auch aufgewachsen. Im Zusammenhang mit „Heimat“ habe ich geschrieben, dass ich den Niederrhein manchmal vermisse. Das stimmt. Was ich nach wie vor nicht vermisse, ist das Kleinstadtleben. Emmerich ist eine typische Kleinstadt. 36.000 Einwohner (inklusive umliegender Dörfer und Weiler, Kirchen und Schützenvereine.)

Es gab: einen großen Fluss, eine tolle Brücke, viele katholische und eine evangelische Kirche, ein Gymnasium, zig Kneipen, jede mit eigenem Kegelclub, kein Kino, keine Disco. Dafür aber jede Menge Vereine. Vereinsleben ist die Lebensader einer Kleinstadt. Ist man kein Vereinsmeier, wird man sich in einer Kleinstadt mit der Zugehörigkeit schwer tun.

Kleinstadtleben - Fluss und Brücke sind die größte Attraktion
Die größte Attraktion in „meiner“ Kleinstadt: Vater Rhein und die längste Hängebrücke Deutschlands

Meine Familie war in einigen Vereinen aktiv und bekannt, mein Opa war eine lokale Größe. Mich kannten viele, ich selber kannte nicht alle, die mich kannten. Das brachte seine eigenen Nebenwirkungen mit sich. Spätestens wenn es beim Kaffeeklatsch Zeit für das „Connjäckelchen1“ wurde, war meine sehr auf Außenwirkung bedachte Mutter über meine neuesten Eskapaden im Bilde. Datenschutz war eher eine Frage zwischenmenschlicher Umgangsregeln.

Die nächstgrößere Stadt Kleve hatte außer einem Schuhschachtel-Kino auch nicht mehr zu bieten. Zudem ist sie linksrheinisch. Für uns war das die „gönne Kant“ – die „andere Seite“. Der Kölner kennt das unter „scheel sick“. Da fährt man nur hin, wenn man muss. Und ein Auto hat. Öffentlicher Nahverkehr – damals wie heute eher nicht so üppig im Angebot.

Mein Weg durch die Stadtwelten

Die Nähe zu den Niederlanden war meine Rettungsleine, anhand derer ich mich als Jugendliche durch das Kleinstadtleben hangelte. Der Pommesäquator markierte unsere kulturelle Lebensader. Arnheim war entfernungstechnisch nicht weiter weg als Kleve, aber vom Lifestyle her eine komplett andere Welt: Aufregend, international, kulturell vielfältig, tolerant. Eine Music-Hall, ein riesiges Kino, nicht nur eine Disco – nein, für jeden Musikgeschmack eine. Tolle Geschäfte, Cafés, Bars – und dank Euregio für uns gut mit dem Zug erreichbar.

Dennoch konnte ich als junge Frau gar nicht schnell genug dem Kleinstadtleben entkommen und verabschiedete mich Richtung Ruhrgebiet, nach Duisburg. Ich mag das Ruhrgebiet nicht nur, ich kann es auch. Die meisten Städte des Ruhrgebiets sind von der Größendefinition her Großstädte, so auch Duisburg. Laut, lebendig, grüner als man meint, sehr multikulturell. Duisburg war meine erste Station im Pott und ich hatte dort eine gute Zeit. Schöne Altstadtwohnung, spannender Job, Freunde und Kollegen – und schon damals auch der Captain. Wenn auch nicht als mein Captain. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das Ruhrgebiet als solches ist eigentlich eine einzige große Stadt, eine Metropolregion. Manche Stadtgrenzen verschwimmen, alle Städte sind untereinander recht gut erreichbar. Damit bietet das Ruhrgebiet eine außerordentliche Fülle an Möglichkeiten. Das Leben verschlug uns damals mehr oder gezwungenermaßen nach Recklinghausen. Das kleinere Recklinghausen geht so gerade eben noch als Großstadt durch.

Am Stadtrand – das Beste aus beiden Welten gefunden?

Wir nutzten den Umzug und bezogen Domizil am Stadtrand. Mir gefiel der Kompromiss. Die öffentlichen Verkehrsmittel haben im Kreis Recklinghausen zwar ihr sehr eigenes Verständnis von Stadtteil-Vernetzung, aber davon ab: Die – heute leider sehr runtergekommene Innenstadt – ist schnell erreichbar. Kindergärten und Grundschule in Laufnähe. Ebenso Feld, Wald und Wiesen – fußläufig erreichbar. Für Kinder ideal, für Senioren auch. Und für Hunde natürlich.

Wald an der Stadtrandlage
Der Flusenbär im kleinen Wald bei uns „umme Ecke“ – 3 Minuten und wir sind da.

Die Vorteile der Metropolregion hat man am Stadtrand nach wie vor. Nicht zu unterschätzen: Die Metropole Ruhrgebiet hat auch europaweit gesehen eine selten zentrale Lage. Man ist schnell im Münsterland, Rhein-Main-Gebiet ist in erträglichem Zeitrahmen erreichbar. Belgien, Niederlande, Frankreich – alles in wenigen Stunden erreichbar. Größter Pluspunkt: Man ist schnell am Meer. Bzw. den (friese) Meren.

Landleben – eine Alternative?

Neben der Kleinstadt hat mich in Kindheit und Jugend das Landleben geprägt. Meine Familie väterlicherseits hat bäuerliche Wurzeln und als Kind war ich sehr viel auf den Höfen der Onkel und Tanten in den kleinen Dörfern beidseits der Grenze. Ich hatte dort meine Freunde, wir tobten durch die Weiden, wir halfen in den Ställen und ja – wir waren auch bei den Schlachttagen helfend am Start.

Ich behielt diese Verbindung lange und könnte nostalgische Geschichten von Landkindern, Dorfjugend und Scheunenfesten erzählen. Mach ich auch. In meinem Geschichten vom Deich.

Deichhelden -Landleben

Vieles von dem, was ich aus meiner Kindheit kenne, finde ich heute in einem kleinen niederländischen Dorf wieder. Der Heimathafen unseres schwimmenden Altersruhesitzes ist im Dorf Heeg, Friesland/NL. Dort bekomme ich viel vom Dorfleben mit. Es hat seinen Charme und gefällt mir auch. Sind wir mit dem Boot unterwegs, leben wir auch zeitweise komplett autark. Unabhängig von Infrastruktur. Landleben extrem sozusagen. Nur auf dem Wasser.

Für mich steht fest: Könnte ich mich nur zwischen Stadt oder Land entscheiden, würde ich das Landleben nehmen.

Das Leben auf dem Dorf - zwischen Blumenrabatten und Kirchtürmen
Unser Dorf soll schöner werden. Hier: Heeg, Friesland/NL – zwischen Blumen und Kirchtürmen

Am Landleben mag ich vor allem die Ruhe, die Unaufgeregtheit, das langsamere Tempo und die Möglichkeit, schnell in der Natur alleine mit mir und meinen Gedanken sein zu können. Neben den geringeren Kosten im Budgetpunkt Wohnen und einem unkomplizierten kindgerechtem Umfeld sind das für mich persönlich die wichtigsten Vorteile.

Der größte Nachteil beim Leben auf dem Land besteht in der ausbaufähigen Infrastruktur. Das fängt (zumindest in Deutschland) mit dem immer noch bemerkenswert schlechten Netz-Ausbau an und hört bei den öffentlichen Verkehrsanbindungen nicht auf. Ein ganz wichtiger Punkt bei den heutigen Spritpreisen. Da helfen sogar die deutlich geringeren Immobilienpreise nur noch begrenzt. Von der Nahversorgung gar nicht zu reden. Wer da rote Rosen will, muss sie selber pflanzen.

Und die geschmähten Kleinstädte?

Kleinstädte sind für mich wie ein Glas, das nie ganz leer wird, aber auch nicht richtig voll. Nicht anonym genug, um unterzutauchen. Nicht offen genug, um einfach neu zu starten. Meiner Erfahrung nach zeigt sich da ein Dorf tatsächlich offener – zumindest, wenn man sich benimmt und nicht gerade den arroganten besserwisserischen Städter raushängen lässt.

Das Stadtleben hat mich verloren

Im Bild unten zeige ich meine Lieblings-Großstadt Rotterdam. Aber auch, wenn ich eine Lieblings-Großstadt habe: Großstädte haben mich richtiggehend verloren. Das will ich nicht mehr, das kann ich auch nicht mehr. Zu laut, zu voll, zu viel, zu dreckig. Zuviel von allem. Im Februar waren wir ein Wochenende in Frankfurt, wo unser Jüngster heute lebt. Ich fand es unfassbar anstrengend und bei aller Freude über das „Kinder-Wochenende“ sehnte ich mich nach unserem ruhigeren Zuhause.

Leben in der Großstadt - hier Rotterdam
Blick auf eine der vielen Skylines in meiner Lieblings-Großstadt Rotterdam. Hier hat mein jüngster Sohn lange gelebt und bei aller Begeisterung für Rotterdam: Ich möchte da nicht leben.

Dazu kommt noch ein für mich entscheidender Aspekt. Ich sage es so, wie ich es empfinde: Ich fühle mich unsicher in der Stadt. Schon tagsüber habe ich in der Innenstadt Recklinghausens ein muImiges Gefühl, wenn man zwischen Leerstand hier und Leerstand dort hauptsächlich dumm angemacht und bedrängt wird. Lass mal.

Ganz schlimm finde ich auch die dunklen Straßen abends und nachts. Aus Energiespargründen wird überall die Beleuchtung runtergefahren. Mein Sohn wohnt in Düsseldorf, dort wird besonders eifrig Energie gespart. Wenn wir ihn besuchen und abends durch stockdunkle Straßen in einem belebtem Viertel zum Auto gehen – ist mir regelrecht unwohl. So sehr ich unseren Flusenbären liebe – die Vorteile eines Schäferhunds erschließen sich mir durchaus.


Mir ist bewusst, dass die bis hierher aufgeführten Unterschiede zwischen den verschiedenen Lebensformen komplett subjektiv gefärbt sind. Unten findet Ihr eine Tabelle mit Unterschieden, Vor-und Nachteilen, die nicht nur mich betreffen.


Wie leben wir heute in unseren besten Jahren?

Heute leben wir immer noch am Stadtrand in der Metropole Ruhrgebiet. Plus der zweiten Heimat in Heeg, Friesland/NL auf dem Wasser. Hier der Zugang zum pulsierenden Großstadtleben, dort der Mikrokosmos Dorf mit Hafen.

Wenn man mich fragt „Stadt oder Land – wo lebt es sich besser?“ entscheide ich mich für „nicht oder.“ Ich empfinde das Leben am Stadtrand tatsächlich als das Beste aus beiden Welten. Die Stadtrandlage bietet mir

  • Die Vorteile des Landlebens (Ruhe, Natur, Raum)
  • Die Vorteile des Stadtlebens (Infrastruktur, Kultur, Auswahl)

Der Nachteil ist leider: Stadtrand ist heute teuer. Sehr teuer. Teurer als zentrale Innenstadtlage. Wir sind nicht die Einzigen, die den Kompromiss Stadtrandlage als lebenswerteste Wohnform empfinden.

Als wir vor vielen Jahren gekauft haben, war das noch anders. Heute – mit leerfallenden Innenstädten und Wohnraummangel – ist es schwierig geworden, sich im Alter zu verändern und vor allem sich „kleiner zu setzen“ Nebenbei bemerkt: Die Preise in der Kleinstadt sind heute ähnlich wie in Stadtrandlagen. Aber das nur am Rande.

Ein bisschen von allem? Ein bisschen Land, ein bisschen Stadt – mein Fazit

Für mich liegt das ideale Leben tatsächlich irgendwo dazwischen – zwischen Stadt und Land. Zwischen Anschluss und Rückzug. Zwischen WLAN und Windrauschen.

Ganz ehrlich: Mit dem Älterwerden verändert sich auch der Blick auf den Ort, an dem man leben will. Wieviel Trubel darf es noch sein? Wieviel Ruhe ist nötig? Ich merke, je älter ich werde, desto mehr zieht es mich raus aus der Stadt. Wir nutzen zwar die Möglichkeiten, die das Ruhrgebiet uns bietet. Aber nicht mehr in dem Maße wie früher.

Felder am stadtrand
Weizenfeld bei uns am Stadtrand – direkt hinter dem Wald umme Ecke

Mich zieht es oft hinaus. Aufs Land. Und natürlich aufs Wasser. Hier wie dort brauche ich Weite. Weil ich dort besser atmen kann. Und besser denken. Das Leben auf dem Boot, ab vom Land fühlt sich manchmal wie eine ersehnte Flucht an. Aber vielleicht ist es das nicht. Vielleicht ist es einfach eine Rückkehr. Eine Rückkehr zu dem, was ich an meiner allerersten Heimat geliebt habe.

Und Ihr? Seid Ihr eher Stadtmenschen oder Landkinder?

Wie ist das bei euch?

  • Lebt ihr da, wo ihr euch zu Hause fühlt?
  • Würdet ihr lieber tauschen – oder habt ihr schon mal radikal gewechselt?
  • Was fehlt euch am meisten – und worauf könntet ihr am ehesten verzichten?

Ich bin gespannt. Auf eure Geschichten, eure Gedanken, eure Orte. Auf die Anregungen, die dadurch entstehen. Denn darum soll es hier im Blog ja gehen: mutig älter werden – und das Leben anders denken.

Zum Abschluss eine subjektive, sicher nicht vollständige

Tabelle zu den Unterschieden Stadtleben versus Landleben versus Stadtrand

Wie würdet Ihr die Tabelle ausfüllen?

Kategorie StadtlebenLandleben
RuheVerkehrslärm, viele Menschen – der Geräuschpegel pendelt nur. Zum Stillstand kommt er nie. Täuscht Euch nicht: Trecker sind laut und so ein Hahn kräht auch nicht leise. Aber es ist eine andere Art von Lärm und er kommt zuverlässig zum Stillstand.
SauberkeitMüllberge allerorten – zumindest in D. Und leider gehören viele Innenstädte mittlerweile den RattenSo sauber wie Natur eben sein kann: Laubhaufen, Kuhfladen, Schafsköttel – es kommt was zusammen
Infrastrukturtheoretisch vorhanden. Praktisch oft marode. Bzw. schwierig daran teilzuhaben – Stichwort Arzttermin mager und ohne Auto schwierig. Man hilft sich gegenseitig. Was oft schneller geht als in der Stadt
Versorgung Große Auswahl, wenn man nicht aufs Geld guckt, rund um die Uhr wird langsam besser. Große Supermärkte auf der grünen Wiese – aber auch die ohne Auto schwer erreichbar.
Natur künstlich angelegt. Wenn man Glück hat, ist der Park ein schöner. direkt vor der Haustür
Anonymität hochniedrig – man kennt sich
Gemeinschaft muss man selbst aufbauenvorhanden, nicht immer ganz einfach, reinzukommen
Kostenhohe Mietengünstigere Immobilien, Nebenkosten beträchtlich (Auto, Spritpreise)
KinderfreundlichkeitEinfach nach draußen und spielen ist nicht, dafür hohes Angebot an Frühförderung. Kita-Plätze sind schwer zu ergattern. Zwar weniger Kita-Plätze, aber in der Regel bekommt man im Dorf-Kindergarten einen Platz. Dafür können die Kinder unbeschwerter draußen spielen.
Sicherheit oft unsicher hoch
Lebensgefühl pulsierend, abwechslungsreich entschleunigt, naturverbunden
Kulturangebot
hoch mager
Mobilität theoretisch großes Angebot Zumindest Fahrradfahren geht besser
Internet gut ausgebaut Glückssache
Kreativmöglichkeiten viele Kurs-AngeboteYoutube- Akademie
Stadt oder Land - welche Minuspunkte gibt es ?
Was sind für Euch die größten Minuspunkte in der Tabelle?
  1. Einfach laut lesen, dann wisst Ihr schon, was ein Connjäckelchen ist. Stößchen. Zwinkersmiley ↩︎

Von Britta Langhoff

Bloggerin, Autorin, Ehefrau, Mutter, Hundemama und Bootsfrau. 60 Jahre alt und stolz darauf. Ich schreibe für Menschen, die mutig und entspannt älter werden. Im Blog und in meinem Romanprojekt geht um Aufbruch, Neuanfänge und den Mut, sich selbst treu zu bleiben. Wenn nicht jetzt - dann vielleicht nie!

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