Haben ist besser als brauchen

Veröffentlicht am 12 Kommentare zu Haben ist besser als brauchen
KI Bild von Omma trudi : Text: Omma Trude vom Stamme Nimm, Haben ist besser als brauchen

Unser Omma Trude ist vom Stamme Nimm. An Oppa Herbert, unser Trudi ihr Mann, ist ein echter Ruhrpott – Klüngelskerl verlorengegangen. „Früher war datt ja kein Problem, da wohnten wa ja auffem Hof. Da hatten wa noch Platz ohne Ende“

Familienmotto: Haben ist besser als brauchen

Vor einigen Jahren entschloss man sich, den Hof zu verpachten „Dä Härbärt konnte datt all nich mehr, mit die viele Arbeit da alle und ich hab ja auch viel Rücken“ Man zog sich aufs wohlverdiente Altenteil zurück „Wir hatten ja noch datt Mietshaus anne Düsseldorfer, da wo früher datt Büdken war, da wurde gerade datt Hochparterre frei“ Tausche Hof gegen Hochparterre – vom Prinzip keine schlechte Idee. Aber das Platzproblem! Die ganzen gehorteten Kostbarkeiten vergangener Jahrzehnte. Aber Trudi wäre ja nicht Trudi. Die Lösung lag nahe.

In ’nem Bunker muss man bunkern!

„Wir ham doch den Bunker! Un watt en echter Bunker iss, da gehört et sich zu bunkern, haha“ Tatsächlich. Direkt hinterm Hochparterre, da wo früher „datt Büdken“ war, steht ein alter Bunker auf dem Grundstück. Im Fall der Fälle müsste die ganze Siedlung da rein. Aber „et gibt keinen Fall der Fälle, gibbet nich. Glaub mir datt. Der nächste Kriech ist sofort zu Ende und datt war dann auch der letzte Kriech“ So nämlich. Wenn Trude das sagt „Und innem Bunker, da lagert dann auch allet trocken und wirklich sicher“

KI Bild Raum mit Fässern, Werkzeug und Kisten

Datt kann man imma gebrauchen

Alles, wirklich alles findet Eingang in den Bunker. Bei uns wurden vor einiger Zeit Rigips-Wände eingezogen. Beim Einkauf der Dämmwolle waren wir zu großzügig. Dumm, aber watt willste machen? Nimmt ja immens Platz weg. Zufällig, wie sie immer so zufällig vorbeikommt, kam Trudi vorbei, Fortschritte bestaunen. Sie sieht die große Rolle Dämmwolle, bereit zum Abtransport „Wo wollta denn damit hin?“ „Datt stopfen wir innen Monte Schlacko1, Trude“ – ich ahne Böses – „Nein, das bringt mein Mann gleich zum Bauhof“ „Zum Bauhof?“ echot Trudi erbost „Bisse bekloppt. Du schmeißt imma zuviel wech“ Wo sie Recht hat „ja, watt denn? Datt kann man doch imma ma gebrauchen. Tut datt ma nich wech, tut dat einfach solange bei uns innen Bunker, da isset sicher“ Also ab mit der Dämmwolle innen Bunker.

Sowatt, datt kriechste heute nich mehr

Bei der Gelegenheit sichtete Trudi den alten Original-Holland-Bollerwagen, mit dem alle Kinder unserer Familien durch die Gegend gezogen wurden. Irgendwann war auch das jüngste Kind zu groß und der zugegeben schöne Bollerwagen harrte ebenfalls der Abschiebung zum Bauhof „Ach watt, hör auf. Son schönet Teil, sowatt krisse nie mehr widda. Ich tu datt ma solange innen Bunker, da isset sicher. Die Dämmwolle legste direkt innen Wagen. Müssen wa nur die Speißfässer watt anders stapeln, dann passt datt noch“ „Was für Speißfässer? Wozu braucht Ihr die denn?“ „Ach, die hat der Härbärt noch abgestaubt. Da kannsse sowatt von prima die Getränke kalt halten“ Ich gucke kariert „Ja, klar. Tuste so’n paar Erste-Hilfe-Decken rein, die ham wa auch noch in Vorrat, kaltet Wasser druff, sollsse ma sehen, wie kalt datt Pilsken da drinnen bleibt“

Haben ist besser als brauchen – nie war es klarer als im Lockdown

Eine Pandemie später. Ich leistete Abbitte. Egal – was gesucht war im Lockdown: Im Bunker wurden wir fündig. Alles da. Nähmaschine, alte Bettlaken, Stoff ohne Ende, sogar Gummiband, die größte Rarität in der Zeit des großen Maskennähens. Alles transportiert mit dem Bollerwagen. Trude war es zufrieden: „Siehste, watt ich imma gesacht hab. Haben iss sowatt von besser als brauchen. Egal – watt passiert: Von hier aus kriegen wa im Notfall die ganze Stadt im Alleingang wieder ausse Trümmers“

Jeder findet im Alter seinen eigenen Weg zu mehr Gelassenheit

Und wenn der nächste Krieg wirklich der letzte ist, in 2000 Jahren eine neue Spezies entsteht und prähistorische Funde in den wenigen erhaltenen Bunkern macht – sie werden für Jahrhunderte rätseln. Oder aus der Dämmwolle und den Erste-Hilfe-Decken neue Haute Couture designen. Ach ja – und wie sich neulich bei einer großen Feier erwies: Getränke bleiben wirklich schön kühl im Speißfass mit Methode Trude. Vielleicht hat sie ja wirklich Recht und haben ist besser als brauchen. Ich persönlich bin ja eher der Typ Ballast abwerfen. So ist eben jeder Jeck anders und findet seinen ganz eigenen Weg, um entspannt und gelassen mit dem älter werden umzugehen.

Edit wegen Nutzung KI

Omma Trude ist zwar bauernschlau, aber genau wie ich kann sie nicht zeichnen. Beitragsbild und das Bild im Header sind entstanden mit KI der App Canva. Namensnennung der App unbeauftragt, dient der Klarstellung.

  1. Was ist der Monte Schlacko? So heißen im Volksmund die im Ruhrgebiet vielfach zu findenden Halden. Künstliche Berge, die entstanden sind aus den alten Abraumhalden des Bergbaus. Heute sind sie allesamt begrünt und beliebte Ausflugsziele ↩︎

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Von Britta Langhoff

Bloggerin und Autorin

12 Kommentare

  1. Hei Britta, ich seh dein Omma Trudi förmlich vor mir 🙂 Und wo kein Platz ist, wird welcher gemacht – oder wo Platz ist, wird er bestellt. Mein Keller und Dachboden sind so Orte. Ob – wenn ich einst auch Omma bin – meine Nachkommen ebenso mit mir hadern und schimpfen werden, sich jedoch auch einmal übe Aufbewahrtes freuen werden? Ich denke da an den Karton mit dem ersten Schnuller, dem Strampler und dem abgekauten Holzspielzeug … ojee … aber so lange ich den Platz habe, nutze ich ihn – zum Haben 🙂
    Gruß Gabi

    1. Liebe Gabi,
      ich bin da immer hin- und hergerissen. So einen Karton mit erstem Schnuller, Strampler, Kuschelhasi usw. habe ich auch. Ich denke, darüber werden meine Jungs sich auch freuen.
      Aber mit vielen anderen Dingen war und bin ich deutlich rigoroser. Meine eigenen Ommas und meine Eltern waren ebenfalls große Sammler und konnten sich von überhaupt gar nichts trennen. Das ist eine äußerst undankbare Aufgabe für die Nachkommen, auch emotional verlangt das viel Kraft ab. Ich möchte das meinen Kindern nicht antun, nicht in dem Maße. Da ich eh gut abgeben und wegschmeißen kann, sind wir da schon ganz gut dabei. Es bleibt trotzdem genug übrig…..
      Vielleicht schreib ich da nochmal was zu…
      Liebe Grüße
      Britta

  2. Meine Oma war auch so ein Typ. Meine Schwiegereltern und mein Mann sind auch von der Sorte. Nur ich bin immer der Depp, der alles wegschmeißt.
    Das letzte Hemd hat keine Taschen – ist auch von der Oma.
    LG
    Sabiene

    1. Ja, mit dem letzten Hemd – da hat sie absolut Recht. Danach richte ich mich auch….
      Aber mit dem horten habe ich es auch nicht so. Aber manchmal bedauere ich anschließend, Sachen zu schnell weg geschmissen zu haben.
      Wie man es macht, macht man es verkehrt….
      Liebe Grüße
      Britta

  3. So ein Bunker fehlt mir noch in meiner Sammlung 🙂 Aber Spaß beiseite. Ein bisschen horten tun wir doch alle, oder? Ansonsten bin ich eher fürs „Ausmisten“. Manchmal ärgert man sich dann doch. Was soll ich machen – ohne Bunker 😀

    Liebe Grüße
    Sabine

    1. Ich persönlich bin dafür berüchtigt, eher zuviel weg zu schmeißen… und ja – ich hab mich tatsächlich auch schon öfter im Nachhinein geärgert :))
      Aber ich mag halt das Gefühl von Ballast abwerfen ganz gerne. Und im Zweifelsfall reich ich alles rüber in die Bunker-Aufbewahrungsaufstelle. Recht praktisch an sich
      Liebe Grüße
      Britta

  4. Die Trude sollte mit dem Drachentöter und Papa Engelchen eine Selbsthilfegruppe gründen, die haben nämlich dat gleiche Motto…
    Und der Bunker kommt mir doch geringfügig bekannt vor… 😉

    1. Ja, der Bunker ist ein wiederkehrender Quell der Heiterkeit bei uns….. 😉
      Du hast ein gutes Gedächtnis. Man weiß ja auch nie, wann man mal was wie gebrauchen kann.
      Und so gelernte Klüngelskerle, die haben ja auch schon manch schickes zusammengeschraubt

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