Landleben: Idylle mit Ecken und Kanten

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Autorin Britta Langhoff erzählt hier, warum die von ihren Romanfiguren erträumte Landidylle eine mit Ecken und Kanten ist

Viele träumen ihn: Den Traum vom idyllischen Landleben. Raus aus der Großstadthektik, rein ins naturverbundene Dorfleben. Ruhe, langsamer tickende Uhren, freundliche Nachbarn – eine warmherzige Umgebung, in der das Leben sich besser anfühlt. Doch wie jede Idylle hat auch das Landleben so seine Ecken und Kanten.

Darum geht es hier:

Ein Neuanfang auf dem Land konfrontiert mit ungeschriebenen Gesetzen. Britta Langhoff erzählt, wie ihre Romanfiguren im Dorf ankamen und die Ecken und Kanten der vermeintlichen Idylle kennenlernten.

Umzug aufs Land: Was erwartet mich? Was erhoffe ich?

Wer seinen Tagtraum vom Landleben ausschmückt, landet gedanklich oft in einer liebenswerten Idylle: Man zieht aufs Land, schafft sich sein kleines Paradies mit Garten, in dem man gemütlich auf dem Liegestuhl liegend den Schäfchenwolken hinterher schaut. Die echten Schafe grasen am Deich hinter dem Garten, die Nachbarn winken freundlich über den Gartenzaun und bieten ihre Hilfe an. Abends sitzt man in geselliger Runde zusammen, während die Dorfkinder frei durch Bullerbü stromern.

Genau diese Sehnsüchte trieben auch meine Romanfigur Annika und ihre Familie an den Niederrhein. Das Leben in der Stadt war nicht das Leben, was sie sich für ihre Kinder vorgestellt hatten. Kein Platz zum Toben, dafür aber Chinesisch-Kurse schon für die Kleinsten. Die meisten Kinder haben Terminkalender eines Managers würdig und können sich nur mit viel Mühe einfach zum Spielen verabreden. Annika selbst hat zwar Freundinnen in der Stadt, aber sie sieht sie kaum. Alle beschäftigt. Und im direkten Umfeld empfindet sie die Anonymität als bedrückend.

Wieviel schöner wäre es auf dem Land? Die Kinder gehen einfach raus und können sich mit ihren Freunden ungehindert austoben. Die Mütter halten zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Das entspanntere Landleben beruhigt gestresste Mütternerven und setzt neue Kreativität frei. Soweit der Plan meiner Romanfamilie. Spoiler: Ab und an ging der Plan sogar auf. Aber haben sie wirklich das Paradies gefunden oder feststellen müssen, dass die Idylle Landleben eine mit Ecken und Kanten ist?

Warum das Landleben kein Selbstläufer ist

Doch beim Schreiben meines Familienromans war mir eines besonders wichtig: Ich wollte kein kitschiges Märchen erzählen und das Dorfleben glorifizieren. Das echte Landleben ist eine Idylle mit Ecken und Kanten. Die ungeschriebenen Gesetze auf dem Land zu lernen braucht seine Zeit. Sich in eine Gemeinschaft einzufügen erfordert Geduld, eine Portion Mut und ebenfalls Zeit. Dass sich in meinem Deichkosmos eine ganz neue Gemeinschaft bildet, kommt nicht von ungefähr.

In meinem Roman ziehen Annika und ihre Familie voller Hoffnung an den Niederrhein. Sie finden ihr Traumhaus in einem kleinem Dorf hinter dem Deich. Was sie unterschätzen: Ein Dorf ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Hier kennt jeder jeden, jeder weiß alles über jeden. Strukturen sind über Jahrzehnte gewachsen.

So stellten sich die Romanfiguren von Britta Langhoff ihre Landidylle vor
So ungefähr stellte Annika sich das Dorfleben vor. Gemütliche Häuser mit viel Blick ins Grüne und den Rhein. In echt wohnte in diesem Dorf Großcousine Thea – das zugrunde liegende Foto hab ich vor Ewigkeiten gemacht und in einem Sehnsucht-nach-dem-idyllischen Niederrhein-Moment mit Ölgemälde Effekt überzogen.

Es ist nicht einmal so, dass die Alteingesessenen den neu Hinzugezogenen gegenüber ablehnend sind. Im Gegenteil: Die meisten haben Angst, dass die Dörfer aussterben und bereit, den Neuen das Leben nicht unnötig schwer zu machen. Aber viele der Dorfbewohner arbeiten mit und auf dem Land. Das Leben in den Bauernschaften ist hart und hat vor allem eins: keine Zeit. Für die Landwirte sind die Schafe kein Teil der Landschaft, sondern Teil ihres Berufslebens. DAS ist die gelebte Realität der Dorfbewohner.

Nach dem Kindergarten ein Pläuschen halten: keine Chance. Die nächste Arbeit auf dem Hof wartet bestimmt. Meine Romanfigur Annika hingegen wartet lange, bis sie ins Gespräch mit den anderen Müttern des Dorfes kommt. Und auch für sie sind die Schafe schnell nicht nur ein schöner Anblick, sondern nervige Hindernisse auf ihren Wegen. Wie man im niederländischen Nachbarland zu sagen pflegt: Let op drempel!

Britta Langhoff zeigt, welche Hindernisse das Landleben mit sich bringt
Let op Drempel: Die NL-niedliche Version von Pass auf Du Trottel, hier sind Hindernisse. Und davon gibt es auf dem Land reichlich.

Ungeschriebene Regeln auf dem Land: Wenn Idylle Reibung erzeugt

„Drempels“ gilt es auch im Alltag zu umschiffen. Es entstehen Missverständnisse. Kleine Fehltritte, ungewollt und unbewusst. Meine Protagonistin Annika ist viel alleine, sie hat bedrückende Anonymität gegen erdrückende Ruhe getauscht. Die Familie lernt, dass man Gemeinschaft nicht einfach konsumieren kann. Man muss die Gemeinschaft verstehen und sich dann auf sie einlassen. Die eigenen städtischen Gewohnheiten ab- und sich eine neue Erwartungshaltung zulegen.

Die nächste Apotheke ist kilometerweit entfernt, Einkäufe müssen generalstabsmäßig geplant werden, die versprochenen „Datenautobahnen“ sind eine Dauerbaustelle ohne Fortschritt und der Gatte muss erstmal gärtnern lernen, bevor er ihr wieder Blumen schenken kann.

Das ist die Realität des Neuanfangs auf dem Land. Meiner Romanfamilie war es vorher nicht klar, dass sie mit der neuen Umgebung einen neuen Lebensabschnitt forciert hat. Manchmal ist sie regelrecht erschrocken, wie groß der Umbruch in ihrem Leben wirklich ist.

Warum spielt mein Roman am Niederrhein?

Der Niederrhein ist weites Land mit weitem Blick, geradezu einladend für einen Neuanfang. Aber die ungeschriebenen Regeln dort können einengend sein. Das weiß ich, das habe ich kennengelernt. Weites Land, enge Regeln – ähnlich wie mein Schreiben auf schwankendem Boden ist auch das so ein Gegensatz, der eine Symbolik in sich trägt, die mir gut gefällt.

Der Schauplatz von Britta Langhoffs Familienroman ist der Niederrhein
Wenigstens den Blick kann man am Niederrhein ungehindert schweifen lassen.

Der Niederrhein ist meine Geburtsheimat und ein Teil meines Herzens lebt dort. Aber ich selbst wollte dort nicht mehr leben. Aus vielen Gründen konnte der Niederrhein nicht meine lebenslange Heimat bleiben. Die Frage nach Heimat treibt mich um und auch wenn mein Zuhause woanders ist, möchte ich manchmal in meine alte Heimat zurück. Während des Schreibens konnte ich das ganz unkompliziert.

Generell verstehe ich die Sehnsucht meiner Protagonisten nach einem Neufang auf dem Land. Auch mir werden Hektik und Lärm im Ruhrpott manchmal zu viel. Gerade erst waren wir eine Woche zuhause, eine Woche mit vielen Terminen und Erledigungen. Als wir nach dieser Woche wieder in unserer zweiten Heimat Friesland anlandeten, habe ich die Ruhe und Gemächlichkeit unseres kleinen Dorfs dort förmlich inhaliert. Wenn ich mich wirklich nur zwischen den Extremen Stadt oder Land entscheiden könnte – ich würde das Land nehmen.

Für mich war klar, dass das Land in meinem Roman der Niederrhein sein musste. Aus dem schlichten Grund, dass ich mich in den Dörfern und Bauernschaften des Niederrheins auskenne. Ich hatte Familie und Freunde dort, ich sah, wie sie unter dem Korsett langjähriger Regeln und Gebräuche litten. Aber auch, wie dieses Korsett auf der anderen Seite Halt gab.

Der Niederrheiner an sich ist eher knorrig, Hanns Dieter Hüsch hat seltenst übertrieben. Die Mentalität ist mir vertraut. Ich hätte meine Geschichte nicht so leicht in ein andere Landidylle einbauen können. Das westfälische z.b. ist mir bekannt, aber sehr fremd. Das hätte ich niemals lebensnah gestalten können.

Nicht zuletzt bot mir das Setting am Niederrhein den Charme, meine geliebten Niederlande mit in den Roman einbauen zu können. Ein Sprung über den Pommesäquator lockert nicht nur Annikas Leben, sondern auch meinen Roman auf. Ich sag nur: Let op drempel.

Gemeinschaft ist immer ein Prozess – auch auf dem Land

Wir haben das Thema hier im Blog immer wieder – Gemeinschaft und Freundschaft. Eins haben wir gelernt und erfahren: Soziale Ankerpunkte sind wichtig für uns, unser Leben, unsere Familie. Wenn wir älter werden, bricht da manches weg. Vieles ändert sich, was aber immer gleich bleibt: die Sehnsucht nach echter Tiefe und Nähe. Die neu aufzubauen ist gar nicht so einfach. Auch weil wir vorsichtiger und mißtrauischer geworden sind. Blindlings verletzlich gemacht haben wir uns oft genug im Leben.

Wie wäre es, wenn wir in einer engen Gemeinschaft leben würden, die sich in früheren Jahren aufgebaut hat und mit uns mitgewachsen, mit uns alt geworden ist? Auch dieser Gedanke trieb mich um, als ich mit dem Schreiben begann. Ihr seht, so schnell manövriert man sich in die kitschige Ecke des Landlebens. Aber egal, ob Stadt oder Land: Gemeinschaft braucht Zeit, Geduld und durchaus auch Mut.

Das Dilemma, in dem meine Protagonistin Annika steckt:

  • Der Wunsch dazuzugehören und echte Bezugspersonen im Leben zu haben.
  • Der Wunsch, mit Gleichgesinnten den Alltag zu gestalten.
  • Der Wunsch nach Ruhe, Natur und mehr Freiheit für die Kinder

gegen

  • die ersten Dämpfer: Begegnungen verlaufen nicht unfreundlich, aber viel distanzierter als erhofft.
  • Das Erkennen der Realität: Sie begreift, dass es Gemeinschaft kein Selbstläufer, sondern ein Prozess ist.
  • Die Kinder finden schneller Anschluss. Was einerseits schön ist, fpr Annika aber bedeutet, dass sie auch lernen muss, die Kinder loszulassen. Und noch mehr alleine zu sein.

Gemeinschaft entsteht nicht dort, wo alle sofort perfekt harmonieren – sondern dort, wo man trotz Missverständnissen am Tisch sitzen bleibt.

Britta Langhoff über ihren Deichkosmos

Treibt diese Sehnsucht nach Gemeinschaft auch Euch um? Habt Ihr auch schon mal einen holprigen Start erlebt, als Ihr Euch in eine neue Gemeinschaft einfügen wolltet? Erzählt mir gerne davon in den Kommentaren.

Warum ein Leben mit Ecken und Kanten am Ende das ehrlichste ist

Die Ecken und Kanten im Dorfleben meines Romans sind kein Hindernis, sondern der eigentliche Schlüssel zum Glück. Erst wenn die Fassade der perfekten Landidylle bröckelt, entsteht Raum für echte, ehrliche Begegnungen. Annika lernt, dass Mut nicht nur bedeutet, wegzuziehen – sondern auch, trotz Reibungen auf die Menschen zuzugehen und den ersten Schritt zu machen. Ihnen zuzuhören und ihre Geschichten zu erfahren.

Auch das Landleben schreibt viele Geschichten

Taucht man einmal ein in den Kosmos des Landlebens, findet man sie: viele kleine Geschichten, die davon erzählen. Jede meiner Romanfiguren hat ihre eigene Geschichte, die alle ihren eigenen Platz im Roman bekommen haben. Traurige Geschichten, mutige Geschichten, optimistische Geschichten – eben Geschichten vom Deich. Daher der Untertitel meiner Buchreihe.

In diesem Artikel habt Ihr schon ein bißchen was von Annika, meiner Hauptfigur kennengelernt. Im einem der nächsten „Hinter den Kulissen – Einblick in die Schreibkajüte“ Beiträge stelle ich Euch eine weitere Figur aus meinem Buch vor.

Der erste „hinter den Kulissen“ Beitrag erzählt davon, woher die Inspiration für mein Romanprojekt kommt: Die Frage nach der Coverversion des Lebens.

Visitenkarte Bloggerin Britta Langhoff Kontaktdaten

Offenlegung off topic: Falls Ihr Euch über die Bilder auf diesem Beitrag wundert: Wir sind gerade mit dem Boot unterwegs und mir fehlt der Zugriff auf mein Bilder-Archiv. Das Titelbild und auch das Drempel Bild sind aus meiner Cloud und ja – das ist viele Jahre her. Die anderen Bilder habe ich aus der Cloud meines Bildbearbeitungs-Programms. Dort habe ich Fotos, die ich aufgenommen habe, mit dem Oilpainting-Effekt bearbeitet. Die Original-Fotos sind nicht in dieser Cloud, nur die bearbeiteten. Ich könnte natürlich in Friesland jede Menge neue Fotos von Landidylle machen, wollte für diesen Beitrag aber unbedingt Bilder vom Niederrhein. Dies nur zur Info. Falls irgendein Schlaubi-Schlumpf hier zufällig reinklickt und denkt, ich hätte Gemälde fotografiert und hier rein gesetzt. Nein. Alles © von mir


Von Britta Langhoff

Britta Langhoff ist Expertin für Frauenthemen ab 50, Bloggerin und Autorin von Romanen über Heimat und Neuanfang. Sie schreibt zwischen Worten und Wellen von Bord in ihrer Schreibkajüte, Inspiration für Frauen ab 50 mutig älter werden und Freiheit genießen.

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