Wenn Romanfiguren ein Eigenleben entwickeln

Veröffentlicht am Keine Kommentare zu Wenn Romanfiguren ein Eigenleben entwickeln
Autorin Britta Langhoff plaudert aus dem Nähkästchen. Wie ihre Romanfiguren plötzlich ein Eigenleben entwickelten

Schreibtisch. Handlungsrahmen skizzieren, Setting entwerfen – und die Figuren setze ich mitten rein, damit sie genau das tun, was ich diktiere. So linear stellte ich mir den Schreibprozess vor, als ich mit meinem Buch anfing. In der Realität sah das jedoch anders aus – zu meinem großen Erstaunen. Und ich glaube nicht, dass das an meiner schwankenden Schreibkajüte liegt. Heute weiß ich: Wenn es gut läuft, ist eine lebendige Romanfiguren Charakterisierung ein dynamischer Prozess.

Darum geht es hier:

Romanfiguren sind keine Marionetten. Britta Langhoff erzählt in einem Beitrag aus ihrer „hinter den Kulissen einer Romanveröffentlichung“ Reihe, wie es sich anfühlt, wenn die eigenen Figuren aus ihren Geschichten am Deich plötzlich das Ruder übernehmen.

Der magische Moment beim Schreiben eines Romans

Diesen Moment werde ich nie vergessen. Als ich mich das erste mal hinsetzte und anfing zu tippen. Einfach so, um mal zu gucken, wie das so ist, wenn man eine Geschichte niederschreibt. Schon bei der allerersten Geschichte, die ich jemals aufgeschrieben habe, kam er:

der magische Moment, an dem die Charaktere ein Eigenleben entwickeln. Aus dem Manuskript ausbrechen, eigenständig handeln und ihre ganz eigene Persönlichkeit entwickeln. Damit hatte ich nicht gerechnet, darauf war ich auch nicht vorbereitet. Aber ich war fasziniert.

Meine Romanfiguren nehmen mir manchmal das Steuerrad aus der Hand

Als ich anfing, die losen Fäden meiner Geschichten vom Deich zu einer Handlung zu verspinnen, hatte ich noch für jede Figur eine feste Schublade im Kopf. Annika sollte so reagieren, ihre Familie jene Wege gehen. Doch je tiefer ich in die Psychologie des dörflichen Neuanfangs eintauchte, je mehr Handlungsfäden mir einfielen – desto lauter wurden die eigenen Stimmen der Charaktere.

Ein absolutes Phänomen, aber eins der geilen Art: Man baut sorgfältig eine Kulisse, setzt die Figuren hinein – und plötzlich weigern sie sich, den vorgezeichneten Pfad zu gehen. Sie entwickeln Macken, treffen unvorhergesehene Entscheidungen und die Autorin sitzt da und denkt: „Wo genau kam das denn gerade her?“ „Was machen die da?“ „Was soll das geben, wenn sie fertig sind?“ „Wie komm ich da wieder raus?

Wenn meine Charaktere ein Eigenleben entwickeln, ist das für mich der einzige Zustand, in dem es okay ist, zwischen Worten und Wellen die Kontrolle abzugeben

Britta Langhoff, Autorin an Bord

Dieser magische Moment ist für mich DER Suchtfaktor beim Schreiben von Geschichten. Ich bin ja auch eine begeisterte Leserin und in diesen Momenten ist es für mich so, als ob ich etwas lese, was vor mir noch nie jemand gelesen hat. Und das ist einfach ein hinreißendes Gefühl.

Ich hoffe – nein eigentlich glaube ich das: genau dieses Eigenleben, diese sich selbstständig machende Romanfiguren Charakterisierung ist es, was fiktive Figuren für die Leser später so echt und lebendig werden lässt.

Alter Ego Autorin Britta Langhoff, Figur erschaffen vom Künstler Botas für die Spooney World NL
Wer weiß? Vielleicht hat Britta-Spooney den Figuren ihr Eigenleben eingehaucht? Möglich ist alles.

Warum entwickeln Romanfiguren manchmal ein Eigenleben?

Es gibt mehrere Prämissen, aus denen sich beim Schreiben die Romanfiguren Charakterisierung ergibt. Manche Romane entstehen, weil der Autor eine bestimmte Figur zum Leben erwecken will. Im dem Fall strickt er die Handlung drumherum. Bei mir war es so, dass ich die grobe Handlung und vor allem das Setting Landleben zuerst hatte. Verbunden mit der Frage nach einem Neuanfang im Leben.

Die Figuren habe ich mir erst danach überlegt. Dass meine Hauptfiguren eine Familie sind, war dennoch kein Zufall – das ist getragen von der Frage: Was wäre, wenn Du Dein Leben noch einmal neu erzählen könntest? Die Coverversion des Lebens als Inspiration für meinen Roman.

Haben meine Romanfiguren reale Vorbilder?

Jein. Ich bin nicht das Vorbild für meine Hauptfigur Annika und Annika ist nicht ich. Manches macht sie vielleicht wie ich, anderes dafür komplett unterschiedlich. Sie war sehr starr, als ich sie anlegte und entwickelte sich beim Schreiben. Sie erlebt Dinge, die ich auch erlebt habe, das schon. Aber sie reagiert anders. Coverversion eben.

Die Figur des Großvaters ist noch am ehesten meinem eigenen Vater nachempfunden, alle anderen empfinde ich eher als eigenständig. Vermutlich tragen sie in ihrer Charakterisierung Züge, die ich bei anderen gesehen und erlebt habe. Aber zuordnen kann ich nur wenige Dinge. Dass meine Annika sich immer aufregt, weil sie Anni genannt wird und als Resultat damit leben muss, dass sie oft Anni mit Ka genannt wird – keine Ahnung, woher das kommt.

Dass die Kinder sich über gemeinsames Pölen in den Rheinwiesen mit den Dorfkindern zusammenschließen und vor allem der Älteste sehr gefragt ist, weil er gerne im Tor steht – das z.b. weiß ich genau, woher das kommt. O-Ton meines Ältesten: „Tor ist toll, da kann man ungehemmt rumschreien, ohne das einer meckert!“ Nur zum Beispiel.

Wer hat meine Geschichten vom Deich durcheinander gewirbelt?

Meine Anni mit Ka habe ich Euch bereits vorgestellt. Vor allem in den Überlegungen zur Landidylle mit Ecken und Kanten und der Leseprobe, die es zu Weihnachten gab, zeigt sie sich deutlich.

Ein anderer Charakter vom Deich ist Henk – ein Nachbar mit niederländischen Wurzeln, mit ebenso viel Charme wie Pragmatismus. Henk ist eine Figur, die ein komplettes Eigenleben hat. Ich weiß bis heute nicht, wo er her kommt und wie er in meinem Roman gelandet ist. Plötzlich war er da und brachte den Kindern am Rheinstrand Steine flitschen bei. Fortan war er aus dem Roman nicht mehr weg zu denken. Auch weil er die Handlung zuverlässig in seine zupackenden Hände nimmt.

Henk ist der, den ich von meinen mir zugeflogenen Romanfiguren am liebsten kennenlernen würde. Unser Omma sagte früher immer: „Am besten backt mir Dir einen Mann.“ – Das habe ich somit getan, Omma. Weißte Bescheid. Allerdings keinen Mann für mich, sondern einen Freund für eine ganze Familie. Dem nur noch sein Liebesglück fehlt. Aber wer weiß? Vielleicht backt Annika ihm ja eine Frau.

Autorin an Bord Britta Langhoff
Oder aus den Wellen steigt eine Meerjungfrau empor, die Annika dann mit Henk verkuppeln kann. In der Liebe und der Fiktion ist alles erlaubt.

Was mir wichtig war bei meinen Hauptfiguren: Dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Natürlich gibt es auch ein paar fatalistische Typen unter ihnen, aber das sind eher nicht die Sympathieträger.

Der nächste Schritt: Vom Charakter zum fertigen Buch

Fakt aber ist: Ich habe wirklich gerne mit meinen Romanfiguren gelebt. In meiner Schreibkajüte waren sie perfekte Mitreisende. Es macht mir nun gleichermaßen Angst wie Freude, sie in die Welt zu entlassen.

Auch vor dem nächsten Teil meiner Reihe Hinter den Kulissen einer Romanveröffentlichung ist mir mulmig. Denn: Irgendwann muss ich es ja tun. Ich werde das Cover zeigen, den Klappentext und natürlich den finalen Buchtitel. Außerdem werde ich zeitgleich eine exklusive Leseprobe im Blog veröffentlichen und verlinken. Und zwar das Schlüsselkapitel, welches meinem Roman seinen letztendlichen Titel gegeben hat. Soviel verrate ich: Schon bald nach dem Umzug wächst eine im ersten Moment simple Erkenntnis, deren Tiefe Annika erst später begreifen wird.

Welche Eigenschaften muss eine Romanfigur für euch haben, damit Ihr sie sofort ins Herz schließt?

Leserstimmen

„dass Deine Figuren irgendwann tun, was sie wollen, und Du sie nur noch protokollierst – das ist der Moment, in dem aus Schreiben Literatur wird. Insofern herzlichen Glückwunsch: Du hast die Kontrolle verloren, und zwar im besten Sinne.“

Ron Vollandt

„Der Gedanke, dass kreative Ideen oft aus Gegensätzen und Reibungspunkten entstehen, hat mich besonders angesprochen. Während Du auf dem Wasser lebst und schreibst, entsteht eine Geschichte über Ankommen und Heimat – das hat eine schöne Symbolik“

Tina von Tinaspinkfriday

Visitenkarte Kontaktdaten Britta Langhoff, Autorin

Von Britta Langhoff

Britta Langhoff ist Expertin für Frauenthemen ab 50, Bloggerin und Autorin von Romanen über Heimat und Neuanfang. Sie schreibt zwischen Worten und Wellen von Bord in ihrer Schreibkajüte, Inspiration für Frauen ab 50 mutig älter werden und Freiheit genießen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert