Vor ein paar Monaten postete ich auf Instagram ein Bild von einem Besuch am Niederrhein mit dem Untertitel: Meine alte Heimat! Meine Insta-Freundin Katja fragte daraufhin in den Kommentaren: Wie definierst Du Heimat für Dich? Eine gute Frage. Aber auch eine schwierige Frage.
Im gefragt – beantwortet zum Blogjubiläum schrieb ich es schon: Das braucht einen eigenen Blogartikel. Die Frage „was ist Heimat“ kann ich nicht en passant beantworten. Sie treibt mich aber immer wieder um.

Was ist Heimat?
Wie definieren wir heute den Heimatbegriff, was bedeutet uns Heimat und erlebt das Heimatgefühl eine Renaissance? Diesen Fragen geht Britta Langhoff nach, erzählt von ihrem eigenen „heimatlichen Werdegang“ und stellt diese Frage zur Diskussion.
Heimat – was ist das eigentlich?
Was ist Heimat für mich? Wo fühle ich mich zuhause? Und – ist Heimat und Zuhause ein und dasselbe? Miteinander verbundene Fragen, aber in meinem Fall unterschiedlich gewichtet.
Jeder definiert Heimat anders.
Nach der Begriffsbestimmung ist es so: Im Wort Heimat steckt das urgermanische Wort Heim – damit ist der Ort gemeint, an dem man zuhause ist. Früher ein klar definierter Ort. Aber heutzutage? Wenige Menschen leben ihr ganzes Leben an einem einzigen Ort. Fühlen wir uns dann immer wieder neu zuhause oder tragen wir eine alte, frühere Heimat mit uns?
Wo bin ich verwurzelt?
Geboren bin ich am Niederrhein, in Emmerich. Direkt an der deutsch/ niederländischen Grenze. Bis auf eine Oma, die im Ruhrgebiet groß wurde, kamen meine Vorfahren alle vom Niederrhein. Einige waren Deutsche, viele auch Niederländer. Der Niederrhein ist plattes Land, sein Reiz erschließt sich vielen entweder gar nicht oder erst auf den zweiten Blick. Es ist auch weites Land, der Blick kann dort ungehindert schweifen, die Sehnsucht nach dem Meer ist nie weit.

Um Kind zu sein, ist der Niederrhein ein guter Ort. Als ich älter wurde, konnte ich gar nicht schnell genug die Flucht Richtung Ruhrpott ergreifen. Das hatte nicht nur, aber auch damit zu tun, dass in Emmerich einfach wenig los war. Es gab nicht mal ein Kino. Wollten wir in die Disco, wollten wir auf ein Konzert oder eben ins Kino – fuhren wir über den Pommesäquator nach Arnheim.
Die grenzwertige Heimat
Das hatte immerhin den Vorteil, dass wir die Blockbuster unserer Zeit in der Originalfassung sahen – die Niederländer synchronisieren nicht. Half unseren Englisch-Noten und ich hab verstanden, warum Richard Gere so ein Idol wurde. Der hat nämlich eine verdammt sexy Stimme.
Aber im Ernst – ich finde es bis heute toll, dass ich in meinen Teenager Jahren zu einem großen Teil in den Niederlanden sozialisiert wurde. Holland ist wie Deutschland – nur besser. Dieser geflügelte Satz gilt mit Einschränkungen bis heute und die gleichermaßen pragmatische und liberale Haltung der Niederländer hat mich geprägt.
Wo ist meine Heimat heute?
Geprägt hat mich auch das Grenzkinder-Leben. Einschränkungslos zugehörig fühle ich mich nirgendwo. Mag auch daran liegen, dass ich mich mit vielem fremd in der Welt fühle .
Ich habe meiner Insta-Freundin die Antwort gegeben, dass ich am ehesten den Ruhrpott als meine Heimat betrachte. Weil der Ruhrpott ein Ort ist, wo ich gut hin passe. Ein Ort, den ich will und kann.

Schön kann jeder – Ruhrpott muss man wollen.
So heißt es und da ist was dran. Der Ruhrpott ist für mich auch der Ort, wo ich meine Kinder großgezogen habe. Hier habe ich ihnen Wurzeln und Flügel gegeben und ohne Wenn und Aber war dies die wichtigste Zeit in meinem Leben. Bis heute zieht es die Jungs oft in den Pott. Sie sind stolz darauf, Ruhrpottkinder zu sein und lassen das auch gerne mal raushängen. Man kriegt die Leute aussem Pott, aber nicht den Pott aus den Leuten. Noch so ein Spruch, der wirklich stimmt.
Wo fühle ich mich zuhause?
Es ist die Liebe zu den meinen, die mir mein Zuhause gibt. Deswegen beantworte ich die Ausgangsfrage auch mit: Heimat ist da, wo mein Herz zuhause ist. Und zuhause fühle ich mich da, wo meine Lieben sind.
Wir haben unsere Basis, unseren Heimathafen im Ruhrgebiet, wir haben Freunde hier, wir mögen den Pott. Ich gehe auch davon aus, dass ich zum Schluß hier, im Pott tot überm Zaun hängen werde. Aber in Stein gemeißelt ist das nicht. Ich wäre zwar traurig, diese Scholle zu verlassen, ein Teil meines Herzens würde für immer hier bleiben. Aber das Gefühl von zuhause würde ich mit mir nehmen.
Hier wie dort zuhause
Das merke ich, wenn wir lange in den Niederlanden leben. Ich mag dieses Land immer noch sehr und fühle mich ihm verbunden. Damals wie heute ist es so, dass ich das Leben als leichter empfinde, wenn ich in den Niederlanden bin.
In den Niederlanden zählt Status deutlich weniger als in Deutschland. Solange er niemandem weh tut, kann der Mensch dort so sein, wie er will. Nicht, dass es keinen interessiert. Es bewertet nur keiner und das mag ich sehr. Solange der Captain mitgeht, könnte ich gut auch mein Zuhause in den Niederlanden haben.

Heimat in der Fremde
Dennoch glaube ich, dass meine Heimat- und Zugehörigkeitsgefühle den Niederlanden gegenüber meiner Kindheit und Jugend geschuldet sind. Den Zeiten, in denen man erste Wurzeln schlägt. Ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Ort zu entwickeln, welcher einem von der Mentalität her eher fremd ist, stelle ich mir sehr schwer vor. Auch, wenn man nur Gutes mit diesem Ort verbindet.
So ein Ort ist für mich das Tessin. Als Kind und als Jugendliche habe ich dort etliche Urlaube verbracht. Als der Captain und ich zusammen kamen, gab es für mich ein Wiedersehen mit dem Paradies meiner Jugend. Die Familie des Captains hatte zu der Zeit dort eine Ferienwohnung – und ein Boot – und wir verbrachten viele Jahre lang dort all unsere Urlaube.

Ich habe nur gute Erinnerungen an diesen Ort, soviel Schönes ist dort passiert. Die Kinder waren dort glücklich, wir alle waren dort glücklich. Ich habe nachgerechnet – all in habe ich fast zwei Jahre meines Lebens dort verbracht. Aber ich habe es nie als zweite Heimat betrachtet, ich fühlte mich nie in diesem Sinne zugehörig. Willkommen ja, aber ich war kein Teil davon. Ich kann Geschichten von diesem Ort erzählen, aber ich bezweifle, dass dieser Ort eine Geschichte von mir erzählen würde.
Sehnsucht nach der alten Heimat
Das Ruhrgebiet und die Niederlande könnten hingegen Geschichten von mir erzählen. Und der Niederrhein natürlich. Ich merke – je älter ich werde – desto mehr Sehnsucht habe ich nach dem Niederrhein. Mit meinem Vater ging das letzte familiäre Band, welches ich nach Emmerich hatte. Eine gute Freundin ist das letzte Band, welches von dort noch zu mir führt.
Als mein Vater krank wurde, lebte ich wochenweise wieder in meiner Geburtsstadt. Bei allem Leid erfuhr ich in dieser Zeit auch die guten Seiten des „jeder kennt jeden“ , kurz des dort geboren und verwurzelt sein. Dennoch fehlt mir die Stadt Emmerich an sich nicht.
Ich vermisse manchmal die Gegend. Das Gefühl der Weite, das Gefühl des einfach durchatmen Könnens. Der Ruf der Wildgänse, das Tuckern der Rheinschiffer – so klingt Heimat für mich. Klänge, die ich für immer mit Heimat verbinde und vermisse. So sehr, dass ich mein Schreibprojekt – das Haus am Deich – dort angesiedelt habe.
Ich glaube, das für den Niederrhein auch das gilt, was man gemeinhin den Pottkindern zuschreibt: Man kriegt die Menschen weg vom Niederrhein, aber man kriegt den Niederrhein nicht aus den Menschen.
Vielleicht aber gilt das auch für jeden Ort dieser Welt?
Heimat ist auch keine Lösung
Vor vielen Jahren sahen wir im Bochumer Schauspielhaus einen Liederabend mit diesem Titel: Heimat ist auch keine Lösung. Der Abend erzählte keine zusammenhängende Geschichte, er erzählte eindringlich und auf sehr berührende Weise von Menschen, die zerrissen waren zwischen Fernweh und Sehnsucht nach Heimat. Von Menschen, die ihre alte Heimat verlassen und (noch) keine neue gefunden hatten. Das ist mehr als zehn Jahre her und bis heute erinnere ich diese Aufführung. Sie hat mich tief getroffen damals. Denn ich habe mich wieder erkannt. Wieder erkannt darin, dass ich Heimat nicht mit letzter Gewissheit definieren kann.
Ist Heimat ein Gefühl?
Für mich kann ich diese Frage mit Ja beantworten. Heimat ist ein Gefühl. Das Gefühl, geliebt zu werden. Dazu zu gehören und anderen ein Zuhause zu geben. Das Gefühl, nicht einsam zu sein. Auch wenn man sich manchmal alleine fühlt. Ich denke, dass ich dieses Gefühl, eine Grenzgängerin zu sein, nie los werde. Aber ich habe gelernt, mich in diesem Gefühl einzurichten und die Grenzen meiner Welt selbst zu definieren.
Die Welt ist unser Zuhause
Wenn man viel unterwegs ist, lernt man eins: Die Welt ist unser aller Zuhause. Es gibt die Theorie, dass jeder Mensch mit jedem verwandt oder zumindest bekannt ist. Über maximal 5 Ecken. Ich halte das für möglich. Ich treffe so oft Menschen unterwegs, mit denen ich unvermutete Gemeinsamkeiten habe.
Mai 2024, Hafenfest. Ich lerne Leo kennen. Leo ist Niederländer, Segler aus Passion, geschmeidige 82 Jahre jung und frisch geschieden. Leo sucht Mitsegler für einen Törn ins Wattenmeer, leider können wir zu dem Termin nicht, weil das Kind 30 wird. Aber wir quatschen munter weiter, denn wir verstehen uns gut. Auch im wortwörtlichen Sinne. Er spricht niederländisch, ich antworte auf deutsch. Die bewährte Grenzkinder-Methode. Können alle, die dort geboren sind. Der Captain fand das merkwürdig, als wir uns kennenlernten, mittlerweile hat er sich daran gewöhnt. Und je mehr Zeit er in den Niederlanden verbringt, desto öfter benutzt auch er diese Gemengelage.
Zurück zum Hafenfest. Leo also. Es stellt sich heraus, dass Leo aus einem kleinen Ort unweit der Grenze stammt. Der Ort, in dem mein gleichnamiger Großvater geboren wurde. Leo ist entzückt. Seine Entzückung steigert sich noch, als ich von meinen wilden Zeiten in Arnheim erzähle. Er kennt das auch alles. Das Kino, die Disco, die Music Hall und die bruin cafés am Korenmarkt.
Die Welt ist ein Dorf
Und er kennt auch „den Israeli“ – ein kleines Eetcafé, welches die ganze Nacht geöffnet hatte und wo sich alle Nachtschwärmer mit Shoarma stärkten. Alle nannten ihn nur den Israeli, weil er die in den Niederlanden bis heute sehr beliebten israelischen Speisen anbot. Er war kein echter Israeli, wenngleich er das Geburtsrecht hatte, in diesem Staat zu leben. Der Israeli war Leos bester Freund, lerne ich an diesem Abend. Und ich lerne, dass der Israeli schon gestorben ist. Was mich nach all den Jahren durchaus traurig macht.
Am nächsten Tag stellte sich dann noch heraus, dass unser Winterlager Meister auch aus Arnheim stammt und ich fühlte mich oben im friesischen Norden auf einmal ganz niederländisch niederrheinisch. Die Welt ist eben wirklich nur ein Dorf.
Warum Heimat plötzlich wieder in ist
Lange Zeit galt der Begriff Heimat als spießig, er war geradezu verpönt. Die Assoziationskette ging ungefähr so: Volksmusiksendung am Samstagabend gleich Heimat gleich uncool. In den letzten Jahren hat der Begriff Heimat eine Deutungsveränderung erfahren.
Bei mir persönlich hat es – auch – mit dem Alter zu tun, dass ich mehr über den Zaun nachdenke, über dem ich dareinst hängen möchte. Aber ich merke zusehends, der Begriff Heimat treibt viele um. Wir leben in unruhigen Zeiten, in unsicheren Zeiten und ringen um Gelassenheit.

In unsicheren Zeiten wächst der Wunsch nach einem Ort, an dem wir uns zuhause und sicher fühlen. Nach einem Ort, an dem wir nach unseren Vorstellungen älter werden können. Wir spüren zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft und brauchen einen Platz, dem wir uns zugehörig fühlen. Wir wünschen uns einen Ort, der Geschichten über uns erzählen kann. Einen Ort, der uns umarmt, der uns Wärme vermittelt.
Dazu sehen wir zunehmend Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen. Die Gründe hierfür sind vielfältig, ihnen gemein ist, dass sie Angst machen. Denjenigen, die ihre Heimat verlassen und denjenigen, die sie aufnehmen.
Was in unsicheren Zeiten oftmals dazu führt, dass ein zunehmender Rückzug ins Private stattfindet. Und für den braucht man was? Genau. Eine Heimat. Ein Zuhause.
Heimat ist ein weites Feld
Heimat ist ein vielschichtiges Thema mit vielen Facetten, welche auch schnell ins politische übergreifen können. Da ich das für mich und den Blog an dieser Stelle nicht möchte und die Intention meines Blogartikels auch eine eher persönliche ist, möchte ich mit meinem Fazit enden:
Heimat ist für mich ein Ort, an dem mein Herz sich verwurzelt. Somit habe ich mehr als eine Heimat, obwohl das Wort an sich nicht einmal einen Plural vorsieht.
Zuhause ist für mich da, wo meine Lieben sind.
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Das hast du sehr schön geschrieben. Heimat ist für mich Hamburg. Und ganz doll das Haus in dem ich Lebe und der Mensch mit dem ich dort lebe. Und das Tier. Innerhalb Hamburgs hat sich in den letzten 20 Jahre extrem verändert, wo ich mich in der Stadt zu Hause fühle, wo ich das Heimatgefühl habe.
Sonnige Grüße!
Ich finde, Hamburg ist auch eine sehr besondere Stadt. Ich habe einige Bekannte und Freunde in Hamburg, bei allen ist das Zugehörigkeitsgefühl und der Stolz auf die schöne Heimatstadt gut fühlbar. Es ist schön, dass Du in Deiner Heimat ein tolles Zuhause hast.
Liebe Grüße
Britta
Es ist immer wieder spannend zu lesen, wo wir gleich fühlen. Ich sage zu meinem Geburtstag- und ewig leben Ort alte Heimat, weil ich da fast mein ganzes Leben verbracht habe. Schön fand ich es dort allerdings nur so begrenzt.
Wir waren aber aufgrund verschiedener Gründe dort lange Zeit ‚verhaftet‘.
Als Jugendliche wollte ich immer weg und wäre ich meinem Mann nicht begegnet, wäre das vielleicht auch passiert.
Mein Zuhause ist, wie bei dir, da, wo mein Herz wohnt. Und ich behaupte tollkühn, dass das an (fast) allen Orten sein könnte.
Was mir aber wichtig ist, ist ein Zuhause zu haben, wo ich mich wohlfühlen kann, wo es schön ist, was mein Leben atmet. Ich denke, du weißt, wie ich es meine.
Und sich das klarmachen zu können und es dann auch leben zu können, das ist ein großes Geschenk.
Das hast du wunderbar und mit viel Herzblut hier erzählt.
Liebe Grüße
Nicole
Liebe Nicole,
es ist wirklich immer wieder schön zu sehen, wie ähnlich wir empfinden. Du hast ja auch Erfahrung darin, an anderen Orten zu leben und weißt, dass Du überall ein Zuhause haben könntest.
Danke Dir, dass Du Deine Gedanken auch hier teilst.
Liebe Grüße
Britta